DIE GERICHTE MEINES VATERS zeigt das Leben eines Menschen, der als Kind durch den Genozid der Türken an den Armeniern einen Großteil seiner Familie verloren und seine Freiheit und Frieden in Giengen an der Brenz gefunden hat. Doch wie konnte mein Vater nach der Ermordung seiner Familie weiterleben? Woher nahm er die Kraft. nicht aufzugeben, mit meiner Mutter eine neue Existenz aufzubauen und das Glück und eine neue Heimat in Deutschland zu finden. Alles schien perfekt zu sein, bis meine Mutter starb. Was und wer hat meinem Vater die Kraft gegeben, seine Schicksalsschläge zu bewältigen und dabei seine Lebensfreude zu behalten? Welche Bedeutung hat dabei sein schwäbisches Umfeld, das mittlerweile zu seiner Heimat geworden ist. Der Wegweiser für die Antworten sind fünf Gerichte meines Vaters, da jedes Gericht für eine bestimmte Epoche in seinem Leben steht. Mit ihnen beginnt auch im Film jeweils ein neues Kapitel, denn sie sind das Bekannte und der Schlüssel zum Unbekannten. In ihnen stecken seine Herkunft, die Geschichten und Erlebnisse, die er in den siebzig Jahren seines Lebens gemacht hat und damit seine Identität.




Im Film begebe ich mich auf zwei Ebenen auf die Suche nach meinem Vater. Einerseits besuche ich ihn in Giengen, beobachte und unterhalte mich mit ihm, dabei kocht er für mich die verschiedenen Gerichte und erzählt von seiner Geschichte. Während ich mich mit meinem Vater unterhalte, werde ich selbst vor der Kamera zu sehen sein. Denn die Gespräche mit meinem Vater sind keine normalen Interviews. Vielmehr entstehen sie aus der Begegnung mit ihm, die von unserer Vater-Sohn-Beziehung geprägt sein wird. aber darüber hinaus geht. Wichtig dafür ist, dass nur mein Vater und ich als aktive Handlungspersonen agieren.
Denn gleich einem Kammerspiel orientiert sich die Handlung immer an meinem Vater und meiner Begegnung mit ihm. Nur so kann der Film über ein reines Portrait hinausgehen und wirklich persönliche, verborgene sowie schwierige Themen und Ereignisse miterlebbar machen. Aus diesem Grund werde ich in meinem OFF-Kommentar, so weit dies nötig ist, die Gespräche mit meinem Vater wiedergeben, wenn wir uns auf armenisch bzw. türkisch unterhalten. Die zweite Ebene der Begegnung mit meinem Vater sind meine Reisen in die Türkei und nach Paris. Durch diese Reisen werde ich meinen Vater besser kennen lemen, denn in meinen Begegnungen und Erlebnissen erfahre ich auch etwas über sein Wesen. Personen, die ich treffe und mit denen ich mich unterhalte, kommen jedoch im Film nicht zu Wort. Vielmehr werde ich auch während der Reise über meine Erlebnisse Tagebuch führen, aus dem ich in einem OFF-Kommentar berichte. So bleiben die Ereignisse immer in Verbindung mit meinem Vater und seiner Geschichte.
Im Unterschied zur Reise in die Türkei fahre ich mit meinem Vater nach Paris. Hier lebt der größte Teil meiner Familie – rund 40 Cousins und Cousinen – und findet in einem Restaurant in Paris eine Familienfeier statt. Menschen unterschiedlichen Alters sitzen zusammen, aus den Lautsprechern ertönt armenische Musik, manche tanzen und alle sprechen in verschiedenen Sprachen miteinander – armenisch, türkisch, deutsch und französisch. Diese Dynamik übernimmt auch die Kamera, bleibt dabei aber bei meinem Vater. Denn so sehr er auch Teil der Familie ist unterscheidet er sich doch von ihnen – er lebt in Deutschland.