Über der ersten Zeit lag eine Stimmung der Normalität und mit der Zeit war die Wäsche nicht mehr hellrosa oder –blau und er lernte zu kochen. Nach der Devise: Gemüse, lieber zu weich als knackig und dazu Lammfleisch. Er war der Einzige, der es so mochte.

Bis eines morgens meine älteste Schwester Margrit verschwunden war. In ihrem Brief schrieb sie, dass es nicht ausreiche, genug zu Essen und zum Anziehen zu haben. Damit brachte sie unsere Situation auf den Punkt. Mein Vater bemühte sich, doch er war streng, verschlossen, unnahbar. Gefühle zu zeigen für ihn tabu. Er ist auch keine neue Beziehung eingegangen, obwohl es nach meiner Mutter Frauen gab, die ihn heiraten wollten. Vielmehr versuchte er uns immer mehr an sich zu binden.
So lebten wir in zwei Welten: In seiner Gedankenwelt und das Leben als deutsche Jugendliche. 1978 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an. Kurze Zeit danach begann mein Vater das letzte Zeichen der türkischen Identität zu beseitigen: den türkischen Nachnamen. Er beantragte eine Namensänderung. Doch für den Beamten galten die Ermordung meiner Großeltern und die Unterdrückung, die mein Vater erleiden musste nicht als Argumente. Außerdem klang für ihn der Name Keschischian nicht deutsch genug. Im Dezember 1989 war es dann so weit. Mein Cousin konnte seinen Namen ändern lassen, also blieb dem Beamten nichts anderes übrig, im Zuge der Familienangleichung den Namen Gregorian zu akzeptieren. In diesen Jahren fuhren wir mindestens zweimal im Jahr nach Frankreich. Der größte Teil meiner Familie – rund 40 Cousins und Cousinen sowie Tanten und Onkels – lebt in Paris. Hier feierten wir oft große Feste, wie Hochzeiten und Taufen. Paris wurde damit zu einer zweiten Heimat für uns.