Ursprünglich wollte ich einen Film zur Einführung des Euro drehen, bei dem ich die Geschichte der DM mit der Geschichte der sogenannten „Gastarbeiter*innen“ am Beispiel meines Vaters verknüpfen wollte. Doch meine Produzentin Nicole Leykauf fand die Biografie meines Vaters viel zu spannend, als dass sie damit erzählt werden sollte. Also schrieb ich das Konzept um und begab mich auf eine Recherche zur Geschichte meines Vaters. Klingt einfach, ist ja mein Vater, also sitze ich doch an der Quelle und muss ihn nur fragen, wie sein Leben bisher so verlaufen ist. Schön wär’s!


Wie so Viele seiner Generation hat mein Vater mir und meinen Schwestern nie sehr viel erzählt, eher geschwiegen. Eine Idee, wie ich ihn zum Sprechen bekommen und was ein dramaturgischer Faden für den Film sein könnte, hatte ich lange nicht. Ich wollte auch keinen rein klassischen Dokumentarfilm machen, also der Filmemacher begibt sich auf eine Reise zu seinem Protagonisten und damit auch zu sich selbst und das Ganze linear erzählt. Ich wusste nur, ich will endlich das Dorf sehen, aus dem mein Vater stammt und ihn zu seinem Leben befragen, die zum Teil natürlich auch meine ist. Aber was sollte die andere Idee sein?
Bis dahin kannte Nicole meinen Vater nur aus meinen Texten und Erzählungen. Sie wollte ihn kennenlernen, bevor sie meinen Film Sendern anbieten konnte. Also trafen wir uns zu dritt in München im Restaurant „Cohen’s“, einem jüdischen Spezialitäten-Restaurant zum Mittagessen. Wir bestellten eine gemischte Vorspeisenplatte für uns. Und als sie serviert wurde, fing mein Vater an, Nicole zu erzählen, dass er diese Vorspeisen noch aus Beirut kannte, als er dort Anfang der 1950er Jahren gewesen war, bevor er meine Mutter in Istanbul kennengelernt hatte und mit ihr 1961 nach Deutschland gegangen war. Er hörte gar nicht mehr auf, Nicole von diesem Lebensabschnitt zu erzählen, einer Person, die er gerade einmal 15 Minuten kannte. Ich wusste nur, dass er dort gewesen war, mehr nicht.
Das war der Moment, als ich endlich die Idee für meinen Film hatte! Über Essensgerichte konnte ich ihn dazu bringen, über sich und sein Leben zu erzählen. Außerdem war das Kochen für ihn, nach dem Tod meiner Mutter, Notwendigkeit, aber noch viel mehr ein Ausdruck seiner Liebe und Fürsorge für uns, seine Kinder. Und mein Vater hatte sich bis dahin schon sehr viele verschiedene Gerichte beigebracht, von alten armenischen, über schwäbische Klassiker zur italienischen und französischen Küche. Er sah sich damals auch jede Kochsendung im Fernsehen an. Es gab damals noch noch so viele wie heute, aber Alfred Biolek war sein Favorit, auch wenn er nicht mit all seinen Kochtechniken einverstanden gewesen ist. Er mochte die Art, wie dieser kochte.
Also dachte ich mir: Ich baue verschiedene Essensgerichte ein, die jeweils für eine bestimmte Epoche seines Lebens stehen und stelle sie explizit aus, indem er, wie in einer Kochsendung, die Zubereitung präsentiert. Wie Biolek, nur dass er immer denselben Gast hatte: Mich.