Das zweite Leben

Mit 18 Jahren darf mein Vater das Dorf zum ersten Mal verlassen. Er muss zum Militär. Wie konnte er diese Zeit bei den Menschen überstehen, die seine Mutter umgebracht hatten? Ihm ist da schon klar, dass er nach seinem Wehrdienst nicht mehr zurückkehren wird. Er will weit weg von den Unterdrückungen und der Armut. Sein Ziel ist eigentlich Beirut, damals das Paris des Ostens. Hier gibt es eine sehr große armenische Gemeinde, die nicht unterdrückt wird. Später will er seine Geschwister nachkommen lassen und mit ihnen eine neue Zukunft aufbauen. In Istanbul, seiner Zwischenstation, verdiente er sich als Fremdenführer und Elektriker das Geld für die Reise. Mit dem Bus fuhr er in den Libanon und fand sein Paradies. Doch es war nicht möglich, seine Geschwister nachkommen zu lassen. Also ging er wieder in die Türkei.

Zurück in Istanbul lernte er meine Mutter kennen und sie begannen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Sein Traumberuf ist Joumalist, doch das war für einen Armenier in der Türkei damals nicht möglich. Dann bekamen meinen Eltern Ende der 50er Jahre die Chance, mit der Arbeitserlaubnis seines Schwagers nach Deutschland zu gehen. Sollten sie dieses Angebot annehmen, das ihnen die Möglichkeit bot, in Freiheit zu leben, weit weg von den Repressalien und dem Land, das ihnen die Eltern und die Kindheit genommen hatte?

Anfang der 60er Jahre kam er dann in die schwäbische Kleinstadt Giengen an der Brenz. Hier begann das Leben für meinen Vater 1961 im Süden Deutschlands zum zweiten Mal. Die Firma BOSCH hatte ihn als Gastarbeiter nach Giengen geholt. Nun konnte er selbst über sein Leben bestimmen und in einem freien Land eine neue

Existenz aufbauen.Zwei Jahre später kamen meine Mutter und meine Schwester Margrit, die noch in Istanbul geboren ist nach Giengen. Meinen Elter war von Anfang an klar, dass sie nicht mehr in die Türkei zurück gehen werden. Deutschland sollte ihre neue Heimat sein, also sparten sie für ein eigenes Haus. 1966 kam meine zweite Schwester Karen auf die Welt und 1969 war es soweit. Zusammen mit meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter, begannen sie ein Zweifamilienhaus zu bauen. Da auch mein Onkel, väterlicherseits, mit seiner Familie in die Dachwohnung einzog, war das Haus eine große Wohnung. Keine Tür war abgeschlossen, man konnte jederzeit in die Wohnungen und alle gehörten zusammen. Eine armenische Heimat in Deutschland. Dennoch war es meinen Eltern wichtig, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Also näherten sie sich der schwäbischen Kultur und kauften eine Spätzlespresse.