Die Gerichte meines Vaters

Aufgewachsen ist mein Vater in einem kleinen Dorf. Sie hatten einen kleinen Hof mit wenigen Tieren und bauten alles an, was sie für sich benötigt haben. Alles war selbst gemacht, der Joghurt, das Lawasch-Brot, die Butter. Meist gab es das zu essen, dazu Gemüse, Obst und Nüsse der eigenen Bäume und Sträucher. Fleisch gab es nur ganz selten, die Milch und Arbeitskraft ihrer Ziegen und Kühe war wichtiger als ein Steak. Als ich für meine Film ins Dorf gefahren bin, haben meine beiden Cousinen, die mich in der Türkei auf meiner Reise begleitet haben, in der Stadt, Fleisch und andere Lebensmittel für die Bewohner*innen eingekauft. Denn die Alten, die noch im Dorf leben, bauen auch heute noch alles als Selbstversorger an.

Später, in Istanbul und Beirut, hat mein Vater ganz andere Gerichte kennengelernt, sie war international und hat ihn sein weiteres Leben begleitet. Und als meine Eltern nach Deutschland gekommen sind, kam die schwäbische und deutsche Küche dazu. Unser Essensplan der Woche sah dann z.B. so aus: Fasulja, Schnitzel mit Pommes, Shaksusha, Nudeln mit Tomatensoße, Forellen gegrillt, Sulu Köfte, Spätzle, Milchreis.

Für meinen Film habe ich Gerichte ausgesucht, die für eine bestimmten Lebensabschnitt meines Vaters stehen:

  • Das Brot – wir sagen Gömme dazu – ist ein Festessen im Dorf gewesen. Eigentlich ein einfaches Gericht aus Mehl, Wasser, Salz, Joghurt. Was es so besonders macht ist die zerlassene Butter dazu. Denn Butter zu machen war aufwendig und wurde nur selten zum Essen eingesetzt
  • Bulgur & Pirsola – das ist Bulgur als Reis gekocht und dazu gibt es gegrillte Lammkoteletts. Das ist ein typisches Grill-Gericht, das mein Vater im Sommer gemacht hat. Er liebte es zu grillen und hat mit seinem Bruder einen eigenen Grill gebaut.
  • Cordon Bleu mit Spätzle – Ein Klassiker und das schwäbisch/deutsche Lieblingsessen meines Vaters. Es steht für sein Leben in Deutschland und er ist es noch heute gerne.
  • Bohneneintopf mit Lamm – Fasulja – das absolute Lieblingsessen meines Vaters. Als Kind habe ich es nicht gegessen, da er gerne Hammelfleisch dafür verwendet hat, das Stundenlang im Schnellkochtopf weichgegart wurde und dementsprechend nach dem Hammel roch. Mit der Zeit und gegen großen Widerstand meiner Schwestern und mir hat er sich verfeinert und ab den 1990er Jahren konnte auch ich das Gericht essen. Es ist die Verbindung zu seinem Leben in Freiheit nach der Verbannung und seinen Reisen bis in den Libanon
  • Sulu Köfte – mein absolutes Lieblingsessen. Als ich noch jung gewesen bin, habe ich mich oft geweigert zu essen. Ich fand es einfach langweilig am Tisch zu sitzen und zu essen. Selbst Pommes habe ich meinen Schwestern gegeben. Nur wenn es Sulu Köfte gab, war es anders. Unter drei Portionen bin ich nicht vom Tisch aufgestanden. und das ist noch heute so.