Ein altes Volk zwischen den Großmächten
Armenien blickt auf eine über 2.500 Jahre alte Geschichte zurück und gilt als eines der ältesten Kulturländer der Welt. Bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. erwähnt, erlebte das Land unter der Artaxiden-Dynastie seine Blütezeit. Im Jahr 301 nahm Armenien als erster Staat der Welt das Christentum zur Staatsreligion an – ein Meilenstein, der die nationale Identität bis heute prägt. Gelegen am Kreuzungspunkt zwischen Europa und Asien, stand Armenien Jahrhunderte lang zwischen Großmächten wie Rom, Persien, dem Osmanischen und dem Russischen Reich.

Der Völkermord an den Armenier*innen 1915
Im Zuge des Ersten Weltkriegs begann das Osmanische Reich unter der Führung des Komitees für Einheit und Fortschritt (Jungtürken) die systematische Vernichtung der armenischen Bevölkerung. Am 24. April 1915 wurden hunderte armenische Intellektuelle und Geistliche in Konstantinopel verhaftet und deportiert – dieses Datum markiert den Beginn des Völkermords. In den Folgemonaten wurden armenische Männer massakriert oder erschossen; Frauen, Kinder und Alte wurden in Todesmärsche in die syrische Wüste, etwa nach Deir ez-Zor, getrieben. Unzählige starben an Hunger, Durst, Gewalt und Krankheiten. Schätzungen zufolge fielen dem Völkermord bis zu 1,5 Millionen Armenier*innen zum Opfer; Hunderttausende wurden vertrieben oder zwangsislamisiert. Bis heute verweigert die Türkei, als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs, die Anerkennung der Ereignisse als Völkermord. Mehr als 30 Staaten, darunter Deutschland (seit 2016), Frankreich und die USA, haben den Völkermord offiziell anerkannt. Für die Armenier*innen ist die Erinnerung an 1915 bis heute ein zentraler Bestandteil ihrer kollektiven Identität.
Aktuelle Situation: Republik und Diaspora
Seit dem Zerfall der Sowjetunion existiert seit 1991 die unabhängige Republik Armenien, ein demokratischer Staat im Südkaukasus mit rund drei Millionen Einwohnern – mit der Hauptstadt Jerewan, einem eigenen Parlament und einer Präsidialverfassung nach der Samtenen Revolution 2018. Doch die Mehrheit der Armenier*innen weltweit lebt außerhalb des Landes: Schätzungen zufolge umfasst die armenische Diaspora sieben bis zehn Millionen Menschen. Große Gemeinschaften existieren in Russland, den USA, Frankreich, dem Libanon, Kanada und Iran – viele davon Nachkommen der Überlebenden des Völkermords von 1915. Die Diaspora engagiert sich stark für Armenien und bewahrt Sprache, Traditionen und die armenisch-apostolische Kirche über Generationen hinweg. So ist das armenische Volk heute ein Volk, das zwischen einem jungen Staat und einer weltweiten, eng vernetzten Gemeinschaft lebt – getragen von einer gemeinsamen Geschichte, Sprache und dem Gedenken an die eigenen traumatischen Erfahrungen im 20. Jahrhundert.