Kindheit und Leben im Lager

Eine Geburtsurkunde gibt es nicht und wann mein Vater genau geboren ist, weiß er auch nicht. Nur das Jahr: 1932. In seinem Pass ist jedoch der 12. Februar 1931 eingetragen. Auch ein Geburtsort ist angegeben: Hozat, doch das ist der Landkreis, in dem er geboren wurde. Sein Heimatdorf Zimbek war so klein, dass es nur selten auf Karten verzeichnet war. Das Dorf meines Vaters liegt in der Osttürkei, dem ehemaligen Westteil und Stammland Armeniens. Mit seinen fünf Geschwistern, seinen Eltern,Tanten und Onkel, verlebte er eine glückliche Kindheit auf dem Land, natürlich nicht so wie bei uns in Deutschland.

Durch die Abgeschiedenheit führten sie ein armenisches Leben in der Türkei. Und wo wie meine Familie armenisch war, gab es auch in den umliegenden Dörfern vorwiegend Armenier. So konnten sie ihre Kultur aufrechterhalten, obwohl es 1915 den Völkermord der Türken an den Armeniern gegeben hatte. Zimbek bestand hauptsächlich aus Kühen, Schafen und Ziegen. Mein Opa, der ein reicher Bauer war, besaß davon die meisten. Damit gab es auch immer genug zu essen. Sie versorgten sich selbst und machten ihr eigenes Brot, Butter und Yoghurt. An ganz besonderen Tagen wurde auch ein Lamm geschlachtet. Dann kamen alle Verwandten zusammen, grillten und feierten.

Mein Vater heißt übrigens Kevork Gregorian, seit 1989 Jahren. Als er auf die Welt kam, lautete sein Nachname Keschischian. Danach hieß er Yildiz – doch davon später. Der Finger ist am Mittelgelenk leicht gekrümmt, steif und darüber zieht sich eine y-förmige Narbe. Bis heute erinnert diese Narbe am rechten Mittelfinger meinen Vater an die Ermordung seiner Familie. Eine Pistolenkugel traf ihn, als er damals, sechs Jahre alt, vor dem türkischen Militär wegrannte, das sein Dorf überfiel und seine Mutter, zwei Geschwister und weitere Verwandte ermordete.

Der einzige Grund der Türken für den Genozid – mein Vater und seine Familie waren Armenier. Die Überlebenden des Genozids wurden in ein anderes Dorf im Westen der Türkei gebracht, das sie nicht verlassen durften. Ihre armenische Identität mussten sie verleugnen und ihren armenischen Namen Keschischian ablegen – oder sie wurden umgebracht. So bekam mein Vater den türkischen Nachnamen Yildiz. Weil die Erwachsenen nicht arbeiten durften, ging mein Vater nach der Schule mit seinem älteren Bruder von Haus zu Haus und arbeitete für Nahrung.Das Wenige, das sie bekamen, teilten sie anschließend mit ihren zwei kleinen Schwestern und ihrem Vater. Manchmal bekamen sie auch etwas Mehl. Dann kochten sie sich ein sehr altes armenisches Essen: Ein selbstgebackenes Brot, mit Knoblauchjoghurt und Butter. Seine Schwester lebt immer noch im Dorf. Sie ist mit einem Kurden verheiratet. Mein Vater hat deswegen über 30 Jahre nicht mit ihr geredet, doch ich besuche sie jetzt.